Madeira, die Insel, auf der das Licht seine eigene Stimme hat
Man muss lernen, langsam hinzuschauen, die Nuancen des Grüns zu erkennen, den Glanz der Feuchtigkeit, das Gold des Meeres, wenn die Sonne hinter den Klippen versinkt. Wer auf der Suche nach einer Postkartenidylle hierherkommt, bleibt wegen dieses Lichts, das sich stündlich verändert und der Zeit Gestalt zu verleihen scheint.
Madeira liegt 965 Kilometer von Lissabon (Portugal) und nur 700 Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt, mitten im Atlantik. Diese mittlere Lage – zwischen Europa und Afrika, zwischen dem gemäßigten Norden und dem tropischen Süden – verleiht der Insel das ganze Jahr über ein mildes Klima: Winter, in denen die Temperaturen selten unter 17 °C fallen, und Sommer mit Temperaturen um die 25 °C. Doch was die Insel wirklich ausmacht, ist nicht das Thermometer, sondern ihre Klarheit.
Geografen beschreiben sie als einen schroffen Vulkanblock: ein Zentralmassiv, dessen Gipfel über 1.800 Meter hoch sind und das steil zum Meer abfällt. Diese extreme Orografie sorgt dafür, dass sich das Licht vervielfacht. Bei Sonnenaufgang sind die Ausblicke von Bica da Cana auf das Wolkenmeer atemberaubend. Mittags leuchten die Basaltwände in silbernen Reflexen. Und bei Einbruch der Dämmerung taucht die Westküste in flüssiges Gold, als würde sich die Insel an der schroffen Küste des Dorfes Ponta do Sol.
Schatten und Feuchtigkeit: der Lorbeerwald
Das grüne Herz Madeiras – der Laurisilva-Wald, der 1999 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde – nimmt etwa 20 % der Inselfläche ein. Es ist der größte noch erhaltene subtropische Lorbeerwald der Erde, ein Überbleibsel der Wälder, die Europa im Tertiär bedeckten.
Ein Spaziergang auf einer der Levadas – den seit dem 16. Jahrhundert angelegten Bewässerungskanälen, die Wasser vom Norden in den Süden leiten – bedeutet, dem Lauf des Lichts zu folgen. Die Pfade schlängeln sich zwischen Lorbeerbäumen, Heidekraut, Riesenfarnen und Flechten, die die Feuchtigkeit aufnehmen. Von den mehr als 2.100 Kilometern Levadas ist die berühmteste die Levada do Caldeirão Verde im Naturpark Queimadas, wo die Sonne kaum durch den Nebel dringen kann. Ebenfalls sehenswert sind die Levada dos Cedros – eine der ältesten, erbaut im 17. Jahrhundert – und die Levada da Fajã do Rodrigues, die durch mehrere Tunnel führt. Andere, wie die Levada das 25 Fontes, bieten ein ständiges Wechselspiel aus Licht und Schatten: Sonnenstrahlen, die flüchtige Wasserfälle und mit Moos bewachsene Steinbögen beleuchten.
Fajãs und Salzwiesen
Madeira ist eine vom Meer geformte Insel. An ihrer Nordküste brandet der Ozean heftig an, an der Südküste streicht er sanft darüber. Aus diesem Kontrast entstanden die Fajãs, kleine Streifen fruchtbaren Bodens am Fuße der Steilküsten, wo Licht und Wasser im Gleichgewicht stehen. Die berühmteste davon ist die Fajã dos Padres, ein Mikroklima zwischen Meer und Bergen, das mit einer Seilbahn erreichbar ist, die fast 300 Meter hinabführt. Dort erinnern eine Handvoll Häuser, Weinberge und Obstbäume an das landwirtschaftlich geprägte Madeira vor einem Jahrhundert. Der Name stammt von den Jesuiten, die diese Ländereien im 17. Jahrhundert bewirtschafteten; man sagt, dass hier die ersten Malvasia-Weine vergoren wurden, die später nach England und in die amerikanischen Kolonien exportiert wurden.
Die Weintradition lebt weiter. In São Vicente und Seixal, organisieren Weingüter wie Quinta do Barbusano Verkostungen inmitten von Terrassenweinbergen, wo die Sonne von den vulkanischen Hängen reflektiert wird und der Wein salzige Noten annimmt. Und im Instituto do Vinho, do Bordado e do Artesanato da Madeira (IVBAM) in Funchal lässt sich die Geschichte des Weins nachverfolgen.
Der Wein, mit dem auf die Unabhängigkeit angestoßen wurde. Bereits im 18. Jahrhundert war der Madeira-Wein ein transatlantisches Phänomen. Entstanden aus dem Seehandel und dem Zufall, wuchs sein Ruhm dank der Wärme in den Schiffslägerräumen. Die Fässer, die auf dem Weg in die britischen Kolonien oder nach Amerika waren, hielten wochenlangem Schaukeln und tropischer Sonne stand, und bei ihrer Ankunft hatte sich der Wein verändert: dunkler, komplexer, langlebiger. Diesen Prozess nannten sie „vinho da roda“, den Wein, der „die Runde macht“.
Zu den Häfen, die ihn begeistert empfingen, gehörten Charleston, Boston und Philadelphia, wo der Madeira-Wein zum Symbol kolonialer Raffinesse wurde. Als 1776 die Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten ihre Gläser erhoben, um auf die neue Nation anzustoßen, taten sie dies ausgerechnet mit Madeira-Wein. Er war der einzige europäische Wein, der die langen Reisen und das warme Klima an der amerikanischen Küste unbeschadet überstand.
Jahrzehntelang belieferten die Weingüter der Insel – Blandy’s, Leacock, Henriques & Henriques – die junge Republik. Man sagt, George Washington, Thomas Jefferson und Benjamin Franklin hätten ihn als einen notwendigen Luxus angesehen: der Geschmack Europas mit der Widerstandsfähigkeit der Neuen Welt.
Auch heute noch bewahrt der Madeira-Wein diesen Charakter: ob süß oder trocken, hergestellt aus Rebsorten wie Sercial, Verdelho, Bual oder Malvasía, reift er langsam unter kontrollierter Wärme und ahmt so die Reise nach, die ihn berühmt gemacht hat. Jedes Glas trägt ein Echo der Geschichte in sich: die Geschichte des einzigen Weins, der den Ozean überquerte, sich neu erfand und schließlich eine Unabhängigkeit feierte.
Das Meer und sein Schauspiel
Madeira lebt mit Blick auf das Meer. Es gibt keinen Ort, an dem man seinen Atem nicht hören kann. Die Boote, die vom Hafen von Funchal auslaufen, bieten Touren an, bei denen man Delfine und Pottwale beobachten kann; andere Ausflüge führen zu den Klippen von Cabo Girão, wo der Felsen 580 Meter steil ins Meer abfällt. Unter der Wasseroberfläche erkunden Taucher Schiffswracks wie das der „Korvette Afonso Cerqueira“, die 2018 versenkt wurde, um ein künstliches Riff zu schaffen. In dreißig Metern Tiefe dringt das Licht noch immer klar durch und taucht die mit Korallen bewachsenen Metallteile in ein Blau.
Über den Aktivtourismus hinaus gibt es eine eher kontemplative Dimension: bei Sonnenuntergang mit dem Segelboot hinauszufahren, wenn die Stadt im Hintergrund in Lichter getaucht wird und das Meer zu einem Spiegel wird. In den Wintermonaten geht die Sonne früher unter, doch das Licht ist reiner. An Deck anzustoßen, während sich der Himmel kupferrot färbt, ist eines jener Vergnügen, die erklären, warum sich die Zeit auf Madeira zu dehnen scheint.
Vor Ponta do Sol vor Anker zu gehen, eine Flasche zu öffnen und zu beobachten, wie die Küste in Flammen steht, ist einer jener Luxusmomente, die sich nicht planen lassen. Im Westen der Insel macht Ponta do Sol seinem Namen alle Ehre: Es ist der lichtreichste Winkel Madeiras, ein Amphitheater aus weißen Häusern, die zwischen Bananenplantagen und am Nachmittag goldfarben leuchtenden Klippen zum Meer hin abfallen.
- Tauchen auf Madeira – eine Überraschung. Foto: Pedro Vasconcelos. —
- Wale aus nächster Nähe gesichtet. Foto: Miguel Moniz. —
- Ruhiges Meer zum Paddel-Surfen. Foto: André Ferreira. —
- Festung São Tiago. Foto: Francisco Correia.
Korbflechter und Kutscher: eine Tradition, die langsam verschwindet
In den steilen Gassen des Monte oberhalb von Funchal hat sich eines der einzigartigsten Handwerksberufe Madeiras erhalten. Die Korbflechter flechten von Hand die berühmten Korbkarren aus Weidenzweigen und Eukalyptusholz; die Korbwagenführer lenken sie, ganz in Weiß gekleidet und mit Strohhüten, und führen die Reisenden auf einer schwindelerregenden, zwei Kilometer langen Abfahrt hinunter in die Stadt.
Der Ursprung dieser Tradition reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als die Bewohner des Monte begannen, auf Holzkufen montierte Körbe zu nutzen, um Waren bergab zu transportieren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dieses improvisierte Transportmittel zu einer Attraktion, die Handwerkskunst und Geschicklichkeit vereint.
Jeder Wagen – vollständig von Hand gefertigt und mit einer Lebensdauer von bis zu einem Jahrzehnt – ist das Ergebnis der Geduld der Korbflechter und des Fachwissens der Kutscher. Gemeinsam halten sie eine Tradition am Leben, die nicht nur dem Tourismus standhält, sondern nach wie vor die praktische und poetische Seele Madeiras verkörpert: die Fähigkeit, den Hang in eine Kunstform zu verwandeln.
Wenn das Licht zur Gewohnheit wird
Die Einwohner Madeiras leben mit Blick auf das Meer, doch sie betrachten es nicht in Eile. Sie haben gelernt, im Licht die Zeichen des Wetters, des Fischfangs und der Jahreszeiten zu deuten. In den Cafés an der Strandpromenade von Câmara de Lobos unterhalten sich die Fischer, während sie bunte Netze flicken, die in der Sonne trocknen. Hier malte Winston Churchill während seines Aufenthalts im Jahr 1950 Aquarelle. Dieses wechselhafte und einhüllende Licht ist nach wie vor der rote Faden der Insel. Es verbindet den Wald mit dem Meer, die Berge mit der Stadt, den Alltag mit der Reise. Es ist eine echte Lektion in Sachen Perspektive: Es lehrt, dass Luxus nicht immer strahlt, sondern sich manchmal nur durchscheint.
Churchill und das Licht von Madeira
Im Jahr 1950 kam Winston Churchill auf der Suche nach Erholung und Meer nach Madeira. Er wohnte auf Einladung der portugiesischen Regierung im Reid’s Palace und machte die Insel zu seinem Winterrefugium. Er stellte seine Staffelei am Hafen von Câmara de Lobos auf, einem kleinen Fischerdorf westlich von Funchal, und verbrachte Stunden damit, die bunten Boote und die Spiegelung der Sonne auf dem Wasser zu malen.
Sein Besuch zog Fotografen und Schaulustige an, doch Churchill schien von all dem unbeeindruckt zu sein. Er sagte, auf Madeira sei „das Licht morgens englisch und nachmittags afrikanisch“. Dieser knapp zweiwöchige Aufenthalt festigte den Mythos des „Reid’s“ als Rückzugsort für Staatsmänner und Künstler und hinterließ ein Bild, das bis heute Bestand hat: der britische Premierminister, mit Panama-Hut und Pinsel in der Hand, der versucht, ein Licht, das sich nicht nachahmen lässt, in Ölfarben einzufangen.