Colin Bell auf Safari
  • 10 MIN
  • Transformativ

Colin Bell: Eine Safari ist viel mehr als nur eine Show

Verfasst von: Gonzalo Gimeno

Für Colin Bell, einen Pionier gemeinschaftsbasierter Safaris, bedeutet Afrika zu verstehen auch, die wirtschaftlichen Kräfte zu begreifen, die seine Landschaften am Leben erhalten. Vom Verschwinden der Nashörner in Botswana bis zur Entwicklung von Tourismusmodellen, die Naturschutz finanzieren: Sein Werdegang zeigt, dass der Schutz der Natur mehr verlangt, als sie nur zu bewundern.

In den 1980er Jahren gehörte er zu den Wegbereitern eines Safari-Modells, das den Schutz der Wildtiere mit der wirtschaftlichen Beteiligung der lokalen Bevölkerung verband. Im Jahr 2013 gab es auf dem gesamten Kontinent nur etwa 50 Lodges, die tatsächlich messbar zum Naturschutz und zum Gemeinwohl beitrugen. Heute sind es Hunderte: ein Zeichen dafür, wie stark sich die Safari-Branche weiterentwickelt hat.

In diesem Gespräch geht es weder um Romantik noch um Postkarten-Sonnenuntergänge. Es geht um Größe, Verantwortung und die Mechanismen, die das Erlebnis Safari tragen. Es geht darum zu verstehen, dass wir, wenn wir nach Afrika reisen, in ein System eintreten, das weit größer ist als ein Safarifahrzeug und die Sichtung eines Löwen. Für Colin Bell begann alles damit, dass er ein Artensterben aus nächster Nähe miterlebte.

„Naturschutz ohne Geld bleibt nur ein Gespräch.“

Du hast deine Karriere als Safari-Führer begonnen. Was hast du in diesen Jahren gelernt?

Ich kam 1977 im Alter von 23 Jahren nach Botswana, nachdem ich eine Münze geworfen hatte, um über meine Zukunft zu entscheiden. Es hätte auch Namibia sein können. Es wurde Botswana. Ich war zuvor noch nie dort gewesen. Damals war der Tourismus noch keine richtige Branche. Es war etwas Vages, Undefiniertes. Und Nashörner gab es überall. 1978 gab es in Afrika mehr als 60.000 Nashörner. Neun Jahre später waren es nur noch etwa 4.000. In Botswana gab es Mitte der 1980er Jahre kein einziges mehr in freier Wildbahn.

Ein Aussterben in so kurzer Zeit mitzuerleben, beinahe live, verändert einen. Man fuhr an einer Stelle vorbei, an der immer eine Gruppe von fünf oder sechs Nashörnern gestanden hatte. Und plötzlich war da nichts mehr. Man begriff kaum, was geschah, bis es bereits geschehen war. Wenn das letzte Nashorn verschwindet, zerbricht etwas in einem. Dir wird bewusst, dass Natur nicht selbstverständlich fortbesteht. Wenn wir sie nicht aktiv schützen, wenn wir uns nicht um sie kümmern und ihren Schutz finanzieren, verschwindet sie. Diese Lektion hat mich nie losgelassen.

Porträt von Colin Bell

Wann wurde dir klar, dass Wildtierschutz mehr erfordert als das Führen von Touren, dass es also eine feste Struktur braucht?

Die Nashornkrise war der emotionale Wendepunkt. Intellektuell kam dieser Moment jedoch, als ich zu untersuchen begann, wie Tourismus in der Realität funktioniert. Wir arbeiteten in Botswana. Die Wildtiere gehörten zu Botswana. Aber das Unternehmen, für das wir tätig waren, hatte seinen Sitz in Südafrika. Das Geld floss ins Ausland. Die Bankkonten waren anderswo. Die Arbeitsplätze waren anderswo. Wir nutzten diese unglaubliche natürliche Ressource, aber Botswana profitierte kaum davon. Das erschien mir zutiefst ungerecht. Wenn die Wildtiere überleben sollten, mussten die Menschen, die in ihrer Nähe lebten, einen Wert in ihnen erkennen. Die Regierungen mussten einen Wert darin erkennen. Die Gemeinden ebenfalls. Sonst würde die Wildnis immer den Kürzeren ziehen gegenüber Viehzucht, Landwirtschaft, Bergbau oder was auch immer als Nächstes kommen würde. Safaris zu führen reichte nicht aus. Es fehlte eine Struktur. Es fehlte eine Wirtschaft, die den Naturschutz stützte.

Welches Problem wolltet ihr lösen, als ihr Wilderness Safaris gegründet habt?

Als Chris McIntyre und ich 1983 mit Wilderness begannen, hatten wir fast kein Geld. Wir wollten das Unternehmen in Botswana verankern: lokale Bankkonten, lokale Arbeitsplätze, Einnahmen, die im Land blieben. Vor allem wollten wir Land von den Gemeinden pachten. Wir schlossen Vereinbarungen mit einer Mindestpacht, sodass die lokale Gemeinde auch dann Geld erhielt, wenn kein einziger Tourist kam. Dazu kam ein Prozentsatz des Bruttoumsatzes. Nicht des Gewinns. Des Bruttoumsatzes. Denn Gewinn kann man verstecken. Man kann ihn manipulieren. Umsatz lässt sich nicht verbergen. So war die Gemeinde auch in schlechten Jahren abgesichert. Es war einfach, aber es veränderte die Haltung. Je mehr wir teilten, desto besser lief es für uns.

Safari in der Maasai Mara
Colin Bell in Zakouma im Tschad

Was möchtest du bei deinem aktuellen Projekt „Natural Selection“ im Vergleich zu deiner früheren Arbeit besser machen?

„Natural Selection“ entstand fast zufällig. Lokale Gemeinden kamen mit außergewöhnlichen Grundstücken auf uns zu und sagten: „Wir wissen nicht, was wir damit machen sollen, aber wir wissen, was ihr früher schon geschafft habt.“

Wir haben Struktur und Skalierung verbessert. Wir haben ein zentrales Team für Finanzen, Marketing und Logistik aufgebaut, damit sich die Gründer auf Führung, Service und Erkundung konzentrieren konnten. Wir haben uns bewusst für abgelegene Naturgebiete entschieden, für Orte, die andere ignorierten. Heute verwalten wir mehr als eine Million Hektar. Die Philosophie hat sich nicht geändert: Naturschutz muss sich selbst tragen. Aber die Umsetzung ist ausgereifter geworden und berücksichtigt stärker, dass Tourismus allein vielleicht nicht immer ausreicht.

Zeltcamp unter dem Sternenhimmel
Unter dem Sternenhimmel zu zelten, ist eine der größten Freuden einer Safari.
Colin Bell mit lokaler Gemeinschaft
Die lokalen Gemeinschaften stehen im Mittelpunkt seines Handelns.

Was macht ein Safari-Erlebnis wirklich außergewöhnlich?

Privatsphäre. Weite. Authentizität. Man kann nicht sechs oder sieben Fahrzeuge um eine Löwenbeobachtung herum stehen haben. Zwei, vielleicht drei: Dann verändert sich etwas. Bei einer großartigen Safari geht es nicht darum, die „Big Five“ von einer Liste abzuhaken. Es geht um Nähe zur Natur und darum, ein wenig verändert zurückzukehren. Wenn Gäste immer wiederkommen und Freunde mitbringen, hast du ihnen etwas gegeben, das sie verändert hat.

Luxus-Safaris werden oft als elitär wahrgenommen. Was bedeutet Luxus im Naturschutz?

Gut durchdachter Luxus hat einen geringeren ökologischen Fußabdruck und eine größere Wirkung. Nehmen wir das private Khwai-Reservat: 180.000 Hektar. Mit dem alten Jagdmodell wurden 22 Menschen für einen Teil des Jahres beschäftigt. Mit dem Modell der Fotosafari werden rund 200 Menschen das ganze Jahr über beschäftigt.

Jedes Jahr zahlen wir etwa 400.000 Dollar an eine der Gemeinden, von denen wir Land pachten. Während der Pandemie, als es keinen einzigen Gast gab, zahlten wir weiter. Hochwertige Camps erfordern mehr Personal, bessere Ausbildung und bessere Infrastruktur. Sie generieren Steuern, Mehrwertsteuer und Lieferketten in Städten wie Maun. Hätte Botswana einen Durchschnittspreis von 300 Dollar pro Nacht, wären nicht 40 Prozent des Landes für den Naturschutz ausgewiesen. Luxus ist keine Dekoration. Er ist ein Hebel.

„Das Prinzip ist einfach: Naturschutz muss sich selbst finanzieren.“

Besteht die Gefahr, dass Afrika zu einer Art Luxuszoo wird? Wo verläuft die Grenze zwischen Entwicklung und Ausbeutung?

An manchen Orten haben wir diese Grenze bereits überschritten. Die Maasai Mara ist in der Hochsaison überlastet. Ngorongoro ist meiner Meinung nach kaputt. Die Victoriafälle stehen kurz davor. Wenn sich 30 oder 40 Fahrzeuge um einen Leoparden drängen, ist das keine Natur mehr. Das ist Theater. In einem ähnlich großen Konzessionsgebiet in Botswana könnte man sieben oder acht Lodges betreiben. Im Ökosystem der Maasai Mara gibt es mehr als hundert. Regierungen sehen den Erfolg und versuchen, ihn über Masse zu wiederholen.

Afrika verzeichnet weniger als 5 Prozent der weltweiten Touristenankünfte und weniger als 4 Prozent der Tourismuseinnahmen. Der Kontinent ist nicht insgesamt vom Tourismus überlastet. Der Druck ist ungleich verteilt. Einige Gebiete sind überfordert. Andere riesige Regionen, etwa Angola oder Teile Zentralafrikas, brauchen Tourismus dringend als Alternative zu Abholzung, Landwirtschaft oder Wasserumleitung. Die Frage lautet also nicht, ob der Tourismus wachsen soll. Die Frage lautet: wo und wie.

„Wenn der Tourismus verschwindet, bricht der Schutz zusammen.“

Wie siehst du die Zukunft der Safaris in Afrika in den nächsten zehn Jahren? Gibt es eine Obergrenze für Luxustourismus?

Es gibt immer eine Obergrenze. Jede Landschaft hat eine Tragfähigkeit. Luxus kann sich verantwortungsvoll ausbreiten, wenn die Dichte gering und die Wirkung hoch bleibt, aber er kann sich nicht unendlich am selben Ort ausdehnen. Und die Zukunft darf nicht allein vom Tourismus abhängen. Naturschutz ohne Geld bleibt nur ein Gespräch. Die Pandemie hat gezeigt: Wenn der Tourismus wegfällt, bricht der Naturschutz zusammen. Der Kampf gegen Wilderei wird geschwächt, und Budgets schmelzen dahin. Wir brauchen diversifizierte Einnahmequellen.

CO2-Märkte könnten, wenn sie gut strukturiert sind, eine transformative Wirkung entfalten. Wenn die ökologischen Dienstleistungen Afrikas angemessen bewertet werden, könnte der Druck nachlassen, die Zahl der Safari-Camps über ökologische Grenzen hinaus zu erhöhen. Zudem entstehen zunehmend Naturschutzfonds, die langfristiges Kapital schaffen, sodass finanzielle Interessen die Bewirtschaftung stützen. Wenn es uns gelingt, Tourismus, CO2-Handel und langfristige Naturschutzfinanzierung zu kombinieren, können wir vermeiden, dass jeder Erfolg zu einem Wettlauf um Quantität wird. Der Schlüssel liegt im Gleichgewicht.

Was ist dein Lieblings-Safari-Stil?

Nähe zur Natur. Weite. Stille. Ich liebe Dzanga Bai im Kongo. Es ist eine etwa 750 Meter breite Waldlichtung. Die Elefanten tauchen aus dichtem Dschungel auf. Papageien fallen in großen Schwärmen ein. Dort arbeitet Angela Turkalo, eine Forscherin, die seit Jahrzehnten Tausende von Elefanten identifiziert hat. Man hört einen großen Bullen schon lange, bevor man ihn sieht, und plötzlich verändert sich die gesamte Lichtung als Reaktion auf seine Anwesenheit. Es ist ungeschönt, intim, uninszeniert. Manchmal isst man miserabel. Man fühlt sich unwohl, aber man ist nah dran. Der Wald zieht einen hinein. Und lässt einen nicht mehr los. Das ist für mich Safari.

Mokoro im Duke Camp

Inwiefern fungieren Fotosafaris als Schutzbarriere?

Wenn Wildtiere wirtschaftlichen Wert haben, bleiben sie erhalten. Fototourismus generiert wiederkehrende Einnahmen: Arbeitsplätze, Steuern, Nutzungsgebühren, Gemeinschaftsprogramme. Ohne diese Einnahmen wird Land für Ackerbau, Viehzucht oder Bergbau genutzt. Tourismus ist nicht perfekt, aber ohne ihn wären viele Wildnisgebiete bereits verschwunden.

Kannst du ein Beispiel nennen, bei dem Einnahmen aus dem Tourismus das Schicksal einer Landschaft oder einer Gemeinde verändert haben?

Maun ist ein Beispiel. In den 1970er Jahren war es ein staubiges Dorf. Heute ist es eine funktionierende Stadt mit Flugverkehr, Infrastruktur und Gesundheitsversorgung, was zu einem großen Teil dem Tourismus zu verdanken ist. In Khwai finanzieren Pachtverträge Schulen, Solaranlagen für ältere Menschen und garantierte Einnahmen auch in schlechten Jahren. Das ist eine spürbare Veränderung.

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